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Der Orientalist
Auf den Spuren von Essad Bey
Ein Prinz aus dem Morgenland war Lev Nussimbaum zwar nicht, aber als Essad Bey und Kurban Said inszenierte er sich als Abenteurer und Erfolgsautor auf internationalem Parkett. 1905 als Sohn eines Ölmagnaten in Baku geboren, verschlug die russische Revolution Lev nach Berlin, wo er zum Islam konvertierte, Orientalistik studierte und in den zwanziger Jahren zum Star-Autor, unter anderem des noch heute verlegten Bestsellers Ali und Nino aufstieg. Nach einem Intermezzo in New York zog er nach Wien, floh vor den Nazis nach Italien und starb schließlich einsam und verarmt in Positano.
Leseprobe
An einem kalten Novembermorgen lief ich durch ein Gewirr enger Gässchen in Wien, um den Mann zu treffen, der versprochen hatte, mir das Geheimnis um Kurban Said zu lüften. In meiner Begleitung befand sich Peter Mayer, der Verlagsleiter von Overlook Press, ein stattlicher Mann in einem schwarzen Kordanzug mit zerzausten Haaren, der Saids kleinen Liebesroman Ali und Nino herausbringen wollte. Mayer verfiel in geradezu begeisterte Monologe, wenn er über dieses Buch sprach: »Wissen Sie, es ist so, wie bei einem Vermeer. Sie betrachten das Bild, eine Innenansicht, nichts Spektakuläres, und doch bewirkt die Art und Weise, wie er mit der Perspektive und dem Licht umgeht, dass alles viel größer wirkt. Und genauso ist es bei diesem Roman!« Ali und Nino, eine Liebesgeschichte im Kaukasus am Vorabend der Russischen Revolution, war das erste Mal 1937 auf Deutsch erschienen und in den siebziger Jahren in englischer Übersetzung in der Sparte zweitrangiger Klassiker neu aufgelegt worden. Die Frage nach der Identität des Autors jedoch war nie gelöst worden. Einigkeit bestand lediglich darin, dass Kurban Said das Pseudonym eines Schriftstellers war, der wahrscheinlich aus Baku, der Ölstadt im Kaukasus, stammte, und dass es sich entweder um einen nationalistischen Dichter handelte, der in den Gulags umgekommen war, oder aber um den zu seinem persönlichen Vergnügen schreibenden Sohn eines Ölmillionärs. Vielleicht war es aber auch ein Wiener Kaffeehausschreiber, der in Italien an den Folgen einer Stichverletzung am Fuß gestorben war, die er sich selber zugefügt hatte. Auf dem Umschlagfoto eines Buchs mit dem Titel Twelve Secrets of the Caucasus (dt.: Zwölf Geheimnisse im Kaukasus, Berlin 1930) ist der Autor in der Kleidung eines kaukasischen Kriegers abgebildet, mit Pelzmütze und in einem langen, wallenden Mantel, in den ein Patronengurt eingenäht ist, am Gürtel steckt ein spitzer Dolch.Mayer und ich waren auf dem Weg zu einem Anwalt namens Heinz Barazon, der Overlook Press gegenüber Autorenrechte an dem Roman geltend machte. Er behauptete, die wahre Identität Kurban Saids zukennen, und als Anwalt der Erben des Autors bestand er darauf, dass dies in der Neuausgabe von Ali und Nino erwähnt würde, andernfalls werde er die Veröffentlichung verhindern. Wir klingelten bei der angegebenen Adresse, das Haus lag neben einer Werkstatt, in der einige alte Frauen über Näharbeiten gebückt saßen, und wurden in einen Korridor eingelassen, an dessen Inventar noch der Staub aus der Zeit des Anschlusses zu kleben schien. Aufgeregt kniff mich Mayer in den Arm und flüsterte: »Wie im Dritten Mann!« Barazons Erscheinung war auch nicht gerade angetan, die Atmosphäre eines Thrillers aus der Zeit des Kalten Krieges zu vertreiben. Er war ein kleiner, buckliger Mann mit einer krächzenden Stimme und einem Holzbein, mit dem er, als er uns an den mit Bücherregalen gesäumten Gang entlangführte, einen ziemlichen Krach machte. »Sie haben beide einen langen Weg hinter sich, um die Identität von Kurban Said aufzudecken«, sagte er. »Bald werden Sie klarer sehen.« Er führte uns in einen Raum, in dem eine hagere, aber dennoch sehr schöne blonde Frau mit riesengroßen, glasigen Augen bewegungslos auf einer Couch lag. »Darf ich vorstellen, das ist Leela«, sagte Barazon.»Ich hoffe, Sie werden mir verzeihen«, sagte Leela mit schwacher, doch deutlicher Stimme. »Ich muss liegen bleiben, denn ich bin krank und kann nicht lange aufrecht sitzen.«Barazon kam direkt zur Sache. Der Roman Ali und Nino stamme aus der Feder der Baronin Elfriede Ehrenfels von Bodmershof, der zweiten Frau von Leelas Vater, Baron Omar-Rolf von Ehrenfels. Beim Tod der Baronin Elfriede im Jahr 1980 seien, da sie ihren Ehemann überlebt hatte, alle Rechte an dem Werk auf Leela übergegangen.Barazon holte eine dicke Mappe voller Dokumente hervor, die diese Geschichte stützten: Verträge mit Verlagen, Urkunden sowie Autorenlisten aus den späten 1930er Jahren, alle versehen mit den Adler- und Hakenkreuzstempeln der Nazis. Unter dem Eintrag »Said, Kurban« in der Autorenliste im Deutschen Gesamtkatalog für die Zeit von 1935-39 stand ganz eindeutig: »Pseudonym für Ehrenfels, von Bodmershof, Elfriede, Baronin.«Die Dokumente aus der Nazizeit schienen eine eindeutige Geschichte zu erzählen: Baronin Elfriede war Kurban Said gewesen - ich aber hielt diese Geschichte nicht für wahr.Im Frühjahr 1998 hatte ich angefangen, mich für die Identität von Kurban Said zu interessieren. Ich war nach Baku gereist, um über den neuen Ölboom der Stadt zu schreiben - praktisch das erste Zeichen für ein Wiederaufleben der Stadt, seitdem die Russische Revolution die Zeit dort praktisch zum Stehen gebracht hatte. Baku ist die Hauptstadt von Aserbaidschan, einem kleinen Land, das stolz darauf ist, der alleröstlichste Zipfel Europas zu sein, auch wenn die meisten Europäer noch nie etwas davon gehört haben. Seine Nähe zu Iran und die Tatsache, dass die meisten seiner Einwohner Schiiten sind, mögen unsere Vorstellung von Aserbaidschan beherrschen, doch nur so lange, bis wir feststellen, dass das imposanteste öffentliche Gebäude in Baku nicht etwa eine Moschee ist, sondern eine Kopie des großen Casinos von Monte Carlo. Baku zählt zu jenen Städten, die tausend Jahre lang keinerlei strenge Ideologie noch Religion kannten. Sein Name soll sich aus den persischen Wörtern (bad = Wind) und (kubidan = schlagen) herleiten und so viel bedeuten wie »die vom Wind gebeutelte«. Die Stadt liegt an der Spitze einer ins Kaspische Meer hineinragenden Wüstenhalbinsel und ist tatsächlich einer der windigsten Orte der Welt. Ein vornehmer, 97 Jahre alter Herr erzählte mir, dass er und seine Familie, wenn sie auf den Boulevards flanierten, speziell angefertigte Schutzbrillen getragen hätten, um sich vor dem vielen Sand zu schützen.Kurz bevor ich zu meiner Reise nach Baku aufbrach, hatte mir ein iranischer Freund den Roman Ali und Nino von Kurban Said als eine Art Einführung in die Stadt und den Kaukasus ganz allgemein empfohlen. Das sei nützlicher als jeder Reiseführer, meinte er. Ich hatte noch nie etwas davon gehört, und als ich dann eine Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 1972 auftrieb, war ich ein wenig überrascht über den Einband.
Kritik
"Die atemberaubende Geschichte eines Lebens, in dem die Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen nicht immer klar zu ziehen sind ... Elegant und unterhaltsam geschrieben." NZZ